Der kleine Klaus und der große Klaus

Der kleine Klaus und der große Klaus – modern erzählt: In einem kleinen Dorf lebten zwei Männer, die beide Klaus hießen.
Der eine war reich. Er hatte vier Pferde, ein großes Haus und genug Futter im Stall.
Der andere war arm. Er hatte nur ein einziges Pferd und musste hart arbeiten, um überhaupt über die Woche zu kommen.
Damit niemand die beiden verwechselte, nannte man den Reichen den großen Klaus und den Armen den kleinen Klaus.

Unter der Woche musste der kleine Klaus für den großen Klaus arbeiten. Er spannte sein eigenes Pferd mit vor den Pflug und half auf den Feldern. Nur am Sonntag durfte er die vier Pferde des großen Klaus benutzen. Dann war er stolz. Sehr stolz.

Wenn die Leute an seinem Feld vorbeigingen, rief er laut:

— Hü, alle meine Pferde!

Der große Klaus verzog das Gesicht.

— Sag das nicht.

— Wieso nicht?

— Weil nur eins davon dir gehört.

Der kleine Klaus nickte.

— Schon gut. Sag ich nicht mehr.

Doch kaum kamen wieder Leute vorbei, grinste er breit, schwang die Peitsche und rief:

— Hü, alle meine Pferde!

Der große Klaus wurde rot vor Wut.

— Ich habe dich gewarnt.

Der kleine Klaus wollte noch etwas sagen, da hob der große Klaus den Hammer und schlug dem armen Pferd des kleinen Klaus vor den Kopf.

Das Tier fiel tot um.

Der kleine Klaus stand daneben und starrte es an.

— Super.

— Jetzt habe ich gar nichts mehr.

Er weinte lange. Dann zog er dem Pferd die Haut ab, ließ sie trocknen, steckte sie in einen Sack und machte sich auf den Weg in die Stadt. Vielleicht konnte er sie verkaufen. Vielleicht brachte sie wenigstens ein bisschen Geld.

Der Weg war weit. Es wurde dunkel. Schließlich kam er an einem Bauernhof vorbei und klopfte an.

Die Bäuerin öffnete die Tür.

— Kann ich hier übernachten?

— Nein.

— Nur für eine Nacht.

— Nein.

— Ich friere.

— Dann frier draußen.

Tür zu.

Der kleine Klaus seufzte, sah sich um und entdeckte einen kleinen Schuppen mit Strohdach. Er kletterte hinauf und legte sich oben hin.

Durch einen Spalt konnte er direkt ins Haus schauen.

Und was er da sah, war nicht schlecht.

Auf dem Tisch standen Braten, Fisch, Kuchen und Wein. Die Bäuerin saß mit dem Küster drinnen und beide aßen, als gäbe es kein Morgen.

Der kleine Klaus schluckte.

— Das ist gemein.

— Wirklich gemein.

Da hörte man plötzlich Hufschläge.

Der Bauer kam heim.

Die Bäuerin erschrak sofort.

— Schnell! In die Kiste!

Der Küster sprang in eine große Truhe in der Ecke. Die Bäuerin versteckte Essen und Wein blitzschnell im Ofen.

Kurz darauf kam der Bauer herein. Wenig später entdeckte er den kleinen Klaus auf dem Dach und holte ihn in die Stube.

Auf dem Tisch landete nur eine einfache Schüssel Grütze.

Der Bauer aß zufrieden.

Der kleine Klaus nicht.

Unter dem Tisch lag sein Sack mit der trockenen Pferdehaut. Aus Frust trat er dagegen.

Knarrr.

Der Bauer hob den Kopf.

— Was war das?

Der kleine Klaus trat noch einmal.

Knarrrr.

Er legte den Kopf schief und flüsterte geheimnisvoll:

— Das ist mein Zauberer.

Der Bauer blinzelte.

— Dein was?

— Mein Zauberer. Er sagt, wir sollen die Grütze stehen lassen. Im Ofen wären viel bessere Sachen.

Der Bauer sprang auf, riss den Ofen auf und starrte hinein.

Braten. Fisch. Kuchen. Wein.

Er drehte sich langsam zur Bäuerin um.

Sie sagte nichts.

Der kleine Klaus trat wieder gegen den Sack.

Knarrr.

— Und jetzt?

— Jetzt sagt er, dass da hinten sogar noch Wein steht.

Der Bauer fand auch den Wein.

Ab da war für ihn alles klar: Der kleine Klaus besaß einen echten Zauberer.

Später, als der Bauer genug getrunken hatte, sagte er:

— Ich will den Sack kaufen.

— Unmöglich.

— Ich zahle gut.

— Nein.

— Ich gebe dir einen ganzen Scheffel Geld.

Der kleine Klaus tat, als müsse er lange überlegen.

— Na gut. Aber gehäuft voll.

Der Bauer zahlte. Der kleine Klaus gab ihm den Sack mit der Pferdehaut und fuhr mit einem Wagen voller Geld davon.

In der Kiste saß übrigens immer noch der Küster.

Auf einer Brücke hielt der kleine Klaus an und sagte extra laut:

— So eine dumme schwere Kiste. Am besten werfe ich sie in den Fluss.

Aus der Kiste schrie es sofort:

— Nein! Bitte nicht! Lass mich raus!

Der kleine Klaus grinste.

— Aha. Also doch noch jemand drin.

— Ich gebe dir Geld. Nur lass mich raus.

Der kleine Klaus öffnete die Kiste. Der Küster kroch heraus, bezahlte ihn aus Angst und verschwand. Jetzt hatte der kleine Klaus noch mehr Geld.

Zu Hause kippte er alles mitten in sein Zimmer.

Der große Klaus bekam davon Wind und fragte wütend:

— Woher hast du das?

Der kleine Klaus antwortete ganz ruhig:

— Von meiner Pferdehaut. Die wurde fantastisch bezahlt.

Der große Klaus dachte nicht nach. Er lief nach Hause, erschlug seine vier Pferde, zog ihnen die Häute ab und fuhr in die Stadt.

Dort rief er:

— Häute! Wer will Häute kaufen? Eine Haut kostet einen Scheffel Geld!

Die Leute hielten ihn für verrückt.

Am Ende bekam er kein Geld, sondern Prügel.

Als er zerschlagen zurückkam, knurrte er:

— Dafür bezahlst du.

Später stopfte er den kleinen Klaus in einen großen Sack. Er wollte ihn zum Fluss tragen und ertränken. Unterwegs kam er aber an einer Kirche vorbei.

Drinnen wurde gesungen.

Der große Klaus stellte den Sack vor die Tür.

— Bleib da drin. Ich bin gleich zurück.

Dann ging er hinein.

Im Sack jammerte der kleine Klaus laut:

— Ach nein. Ich bin noch viel zu jung, um ins Himmelreich zu kommen.

Ein alter Viehtreiber kam vorbei und blieb stehen.

— Was hast du gesagt?

— Ich soll ins Himmelreich. Heute schon. Aber ich will noch gar nicht.

Der alte Mann seufzte tief.

— Ich wäre sofort bereit.

Der kleine Klaus sagte leise:

— Dann tauschen wir.

Der alte Mann machte den Sack auf. Der kleine Klaus sprang heraus.

— Du musst nur reinsteigen.

— Das mache ich.

Der alte Mann kroch in den Sack. Der kleine Klaus band ihn fest zu und zog mit der ganzen Herde Kühe und Stiere davon.

Kurz danach kam der große Klaus aus der Kirche, hob den Sack auf und wunderte sich nur kurz, warum er leichter war.

Dann warf er ihn in den Fluss.

— So.

— Jetzt ist Schluss.

Er ging zufrieden heim.

Doch auf dem Rückweg sah er plötzlich den kleinen Klaus auf der Straße. Mitten zwischen einer großen Herde Vieh.

Der große Klaus blieb wie angewurzelt stehen.

— Was machst du hier?

— Ich komme aus dem Fluss.

— Aus dem Fluss?

— Klar. Ganz unten ist es wunderbar. Weiches Gras, schöne Tiere, alles voll. Ich habe nur einen Teil mitgenommen.

Der große Klaus riss die Augen auf.

— Gibt es da unten noch mehr?

— Jede Menge.

— Wirklich?

— Wenn du tief genug kommst, bestimmt.

Mehr musste der kleine Klaus gar nicht sagen.

Der große Klaus kroch selbst in einen Sack.

— Wirf mich hinein.

— Sicher?

— Ja.

— Ganz sicher?

— Ja, nun mach schon!

Der kleine Klaus legte noch einen großen Stein dazu, band alles fest und stieß den Sack in den Fluss.

Plumps.

Er sah dem Wasser kurz nach und sagte dann trocken:

— Klug war er nie. Nur schnell wütend.

Danach trieb er die Herde gemütlich nach Hause.

Und diesmal rief ihm niemand mehr hinterher, er solle vorsichtiger mit seinen Worten sein.

Denn jetzt hatte er wirklich etwas, worauf er stolz sein konnte.

Dieses Märchen wurde von Autor Thomas in einem modernen Stil neu erzählt: Die neue Version macht das bekannte Märchen leichter lesbar und verständlich. Die Geschichte eignet sich zum Selberlesen, zum Vorlesen vor dem Schlafengehen und zum entspannenden Zuhören mit einem ruhigen Lesefluss.

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