Brüderchen und Schwesterchen

Seit ihre Mutter gestorben war, wurde das Leben für die beiden Kinder immer schwerer. Die Stiefmutter war kalt und hart zu ihnen, und oft fühlten sie sich im eigenen Haus fremd und unerwünscht.

Eines Morgens nahm Brüderchen die Hand seiner Schwester fest in seine.

— Wir bleiben hier nicht länger.

— Meinst du das ernst?

— Ja. Wenn wir hierbleiben, wird alles nur schlimmer.

— Dann gehe ich mit dir. Immer.

So verließen die beiden Kinder leise das Haus und gingen hinaus in die weite Welt.

Sie liefen über Felder, über schmale Wege und schließlich tief in einen großen Wald hinein. Als der Abend kam, waren sie müde, hungrig und still geworden. In einem hohlen Baum fanden sie Schutz für die Nacht und schliefen eng aneinandergeschmiegt ein.

Am nächsten Morgen brannte die Sonne schon warm durch die Äste.

— Schwesterchen, ich habe solchen Durst.

— Wir finden bestimmt gleich Wasser.

— Ich höre irgendwo ein Brünnlein rauschen.

Sie gingen weiter, bis sie eine Quelle fanden. Das Wasser glitzerte hell zwischen Steinen und Wurzeln. Brüderchen kniete sich schon hin, doch Schwesterchen hielt ihn erschrocken zurück.

— Warte!

— Was ist denn?

— Ich habe es gehört. Die Quelle hat gesprochen.

— Gesprochen?

— Ja. Wer daraus trinkt, wird ein Tiger. Trink nicht. Bitte nicht.

Brüderchen stand wieder auf, obwohl ihm der Durst sehr zusetzte.

— Gut. Dann suchen wir weiter.

Sie fanden eine zweite Quelle. Wieder wollte Brüderchen trinken, und wieder hörte Schwesterchen das Flüstern im Wasser.

— Nicht. Diese Quelle ist auch verwünscht.

— Was sagt sie diesmal?

— Wer daraus trinkt, wird ein Wolf.

Brüderchen hielt auch diesmal durch, doch seine Schritte wurden schwerer. Schließlich fanden sie eine dritte Quelle. Das Wasser war klar und kühl, und Brüderchen konnte kaum noch warten.

— Brüderchen, hör auf mich.

— Was sagt die Quelle?

— Wer daraus trinkt, wird ein Reh.

— Ich kann nicht mehr warten.

— Bitte. Lauf mir nicht davon.

Doch der Durst war stärker. Brüderchen trank — und im selben Augenblick war er kein Junge mehr. Vor Schwesterchen stand nun ein kleines Reh.

Sie erschrak und begann zu weinen. Doch als das Reh sie ansah, erkannte sie in seinen Augen sofort ihren Bruder wieder.

— Oh nein…

— …

— Du bist es noch. Ich weiß es.

— …

— Hab keine Angst. Ich lasse dich nicht allein. Niemals.

Sie band ihr goldenes Strumpfband um seinen Hals, flocht aus Binsen eine weiche Leine und führte das Reh behutsam weiter durch den Wald.

Nach langer Zeit fanden die beiden ein kleines leeres Haus mitten im Wald. Es war still, trocken und sicher.

— Hier bleiben wir.

— …

— Ja, ich weiß. Es ist klein. Aber es gehört jetzt uns.

Von da an lebten sie dort zusammen. Schwesterchen sammelte Beeren, Nüsse und Wurzeln. Für das Rehchen brachte sie frisches Gras. Abends legte sie sich müde hin, und das Reh ruhte still in ihrer Nähe. So wurden die Tage friedlicher.

Eines Tages hallten plötzlich Hörner durch den Wald. Hunde bellten, Jäger riefen, und eine große königliche Jagd zog durch die Bäume.

Das Rehchen hob sofort den Kopf. Seine Augen wurden hell, und man sah ihm an, dass es hinauswollte.

— Du willst hinaus, stimmt’s?

— …

— Ich sehe es dir an.

— …

— Aber du musst vor dem Abend zurückkommen. Versprich es mir.

Sie öffnete die Tür.

— Klopf an und sag: Mein Schwesterchen, lass mich herein. Nur dann mache ich auf.

Das Rehchen sprang davon, leicht und schnell wie der Wind. Der König sah das schöne Tier und wunderte sich. Er wollte es fangen, aber das Reh war zu flink. Immer wieder verschwand es zwischen Büschen und Bäumen.

Als es dunkel wurde, kehrte es zum Häuschen zurück, klopfte an und rief:

— Mein Schwesterchen, lass mich herein.

Schwesterchen öffnete sofort.

Am nächsten Tag geschah dasselbe wieder. Doch am dritten Tag wurde das Rehchen bei der Jagd leicht verletzt. Ein Jäger beobachtete, wohin es lief, und erzählte alles dem König.

Am Abend ging der König selbst zu dem kleinen Waldhaus. Er klopfte an und sprach mit ruhiger Stimme:

— Liebes Schwesterchen, lass mich herein.

Schwesterchen öffnete — und erschrak. Vor ihr stand nicht das Reh, sondern ein fremder Mann mit einer goldenen Krone.

Der König aber blickte sie freundlich an.

— Fürchte dich nicht.

— Wer seid Ihr?

— Einer, der wissen wollte, wer in diesem Wald so verborgen lebt.

— Dann wisst Ihr es jetzt.

— Ja. Und ich habe noch nie jemanden gesehen, der so still und zugleich so tapfer wirkt wie du.

Schwesterchen schwieg. Der König sah das Rehchen und begriff, wie stark die Verbindung zwischen den beiden war.

— Komm mit auf mein Schloss.

— Ich gehe nicht ohne mein Brüderchen.

— Dann kommt ihr beide.

So verließen Schwesterchen und das Rehchen ihr kleines Haus im Wald und gingen mit dem König auf das Schloss.

Dort wurde bald Hochzeit gefeiert, und Schwesterchen wurde Königin. Das Rehchen durfte im Schlossgarten leben und wurde gut gepflegt. Für eine Weile schien endlich alles gut zu sein.

Doch die böse Stiefmutter erfuhr davon. Der Neid ließ ihr keine Ruhe, und sie schmiedete zusammen mit ihrer Tochter einen grausamen Plan.

Als die junge Königin später ein Kind bekam und der König gerade nicht bei ihr war, schlichen sich die beiden ins Schloss. Sie brachten die schwache Königin in ein heißes Bad, schlossen die Tür und ließen sie dort zurück. Danach legten sie die Tochter der Hexe an ihre Stelle ins Bett.

In der Nacht geschah etwas Seltsames. Die Amme sah, wie die wahre Königin still in die Kinderstube trat, ihr Kind liebevoll versorgte und dann auch zum Rehchen ging, um ihm sanft über den Rücken zu streichen.

Erst nach mehreren Nächten sprach sie endlich:

— Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr.

Die Amme erzählte dem König davon. In der nächsten Nacht wachte er selbst. Wieder erschien die Königin und sprach:

— Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr.

In der dritten Nacht kam sie ein letztes Mal. Da trat der König aus dem Schatten hervor.

— Du bist meine Frau. Niemand sonst könnte so sprechen.

— Ja, ich bin es.

— Wer hat dir das angetan?

— Die Stiefmutter. Und ihre Tochter.

In diesem Augenblick löste sich der Bann. Die Königin erhielt ihr Leben zurück und stand wieder warm, lebendig und gesund vor ihm. Der König ließ die Schuldigen bestrafen.

Und dann geschah noch etwas Wunderbares: Das Rehchen verwandelte sich zurück. Brüderchen stand wieder als Mensch vor seiner Schwester.

— Du bist wieder da.

— Ja. Endlich.

— Ich habe dich nie aufgegeben.

— Ich dich auch nicht.

Von da an lebten sie in Frieden zusammen, und niemand konnte sie jemals wieder voneinander trennen.

Thomas kommentiert dieses Märchen der Brüder Grimm

Brüderchen und Schwesterchen ist ein schönes Märchen der Brüder Grimm über Geschwisterliebe, Vertrauen und Hoffnung. Ihr werdet diese Geschichte sehr lieben, weil sie gefühlvoll, spannend und zugleich warm erzählt ist.

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