Huhn Frida und das gerettete Osterfest

Auf dem Hof von Bauer Lenz roch die Luft nach feuchter Erde, jungem Gras und warmem Hefezopf, der in der Küche buk. Die ersten Sonnenstrahlen glitten über den Zaun, kitzelten die Gänse am Teich und ließen die bunten Bänder am alten Apfelbaum flattern.

Frida, das kleine braune Huhn mit der roten Schleife am Flügel, stand schon längst auf dem Holzzaun und blinzelte in den Morgen.

– Heute ist etwas anders.

– Heute ist der Tag vor Ostern, sagte Ente Mathilda und plusterte sich wichtig auf.

– Da ist immer etwas anders.

Frida legte den Kopf schief. Es war aber nicht nur der Tag. Es war dieses Kribbeln in der Luft, als würde der Morgen ein Geheimnis verstecken.

Da hörte sie ein hastiges Rascheln hinter dem Haselstrauch. Ein grauer Schatten hoppelte hervor, stolperte fast über eine Gießkanne und landete mit einem erschrockenen Quieken im Löwenzahn.

Es war der Osterhase.

Genauer gesagt: Bruno, der Osterhase aus dem Frühlingswald.

Und Bruno sah gar nicht so aus, wie Frida ihn sich immer vorgestellt hatte. Sein Fell war voller Blütenblätter, ein Ohr stand schief, und an seiner Pfote klebte gelbe Farbe.

– Oh nein, oh nein, oh nein, japste Bruno.

– Das darf nicht passieren. Nicht heute. Ausgerechnet heute nicht.

Frida sprang vom Zaun.

– Was ist passiert?

Bruno sah sie an, als hätte er plötzlich einen Rettungsring entdeckt.

– Der große Osterkorb ist weg.

Auf einmal war sogar Ente Mathilda still.

– Weg? fragte Frida.

– Einfach weg?

– Mit allen Eiern für den Sonnenweg, die Mühlenwiese und das Dorf am Bach, stöhnte Bruno.

– Wenn der Korb nicht zurückkommt, suchen morgen viele Kinder vergeblich.

Frida zog die Augenbrauen zusammen.

– Dann stehen wir hier nicht herum. Dann suchen wir.

Bruno blinzelte.

– Wir?

– Ja, wir, sagte Frida.

– Du, ich und jeder, der heute nicht nur zuschauen will.

Keine fünf Minuten später stand ein kleines Rettungsteam hinter dem Stall: Frida, Bruno, Ente Mathilda, Ziege Greta, der junge Spatz Niko und sogar Theo, der Maulwurf, der sonst nie freiwillig bei Tageslicht auftauchte.

Frida stellte sich auf einen umgedrehten Eimer.

– Also gut. Wir denken zuerst, dann rennen wir.

– Das klingt vernünftig, sagte Theo.

– Mag ich nicht besonders, aber heute mache ich mit.

Frida nickte.

– Bruno, wann hast du den Korb zuletzt gesehen?

– Am Waldrand, bei den Weiden, antwortete der Osterhase.

– Ich wollte nur rasch frische Bänder holen. Da kam eine Windböe, ich drehte mich um und der Korb war weg.

Mathilda schnatterte.

– Vielleicht hat ihn der Wind zum Teich geweht.

– Oder den Hügel hinunter, piepste Niko.

– Oder jemand hat ihn genommen, brummte Greta.

Frida sprang vom Eimer.

– Dann teilen wir uns nicht auf. Gemeinsam sehen wir mehr.

Sie liefen über den Hof, durch das Gatter und hinaus auf den schmalen Frühlingspfad. Überall blühten Krokusse, kleine Bienen summten zwischen Gänseblümchen, und irgendwo in der Ferne klopfte ein Specht gegen einen alten Stamm.

Am Waldrand fanden sie die ersten Spuren: ein blaues Band im Gebüsch, ein paar gelbe Farbtropfen auf einem Stein und eine tiefe Rille im weichen Boden.

Frida beugte sich hinunter.

– Der Korb wurde nicht getragen. Er wurde gezogen.

Bruno schluckte.

– Dann ist er vielleicht den Hang hinabgerutscht.

Theo stupste mit seiner Nase die Erde an.

– Und hier, sagte er.

– War noch jemand anderes. Klein. Schnell. Viele kleine Pfoten.

Niko flatterte auf einen Ast.

– Ich sehe vorne etwas Glänzendes!

Sie eilten weiter und kamen zu einer kleinen Lichtung. Dort stand der Osterkorb tatsächlich – oder besser gesagt: das, was von ihm zu sehen war. Der Korb hing schief zwischen zwei Buschzweigen. Die Schleifen baumelten traurig herunter. Drei Eier lagen im Moos. Eins war heil. Zwei waren zerbrochen.

Und um den Korb herum huschten Eichhörnchenkinder aufgeregt hin und her.

Frida blieb stehen.

– Aha.

Das kleinste Eichhörnchen drückte eine Pfote an die Brust.

– Wir wollten nichts Böses!

– Der Korb hat so schön geleuchtet, sagte ein anderes.

– Und dann kam der Wind, und dann ist alles gerollt, und dann haben wir versucht zu helfen, und dann wurde es nur schlimmer.

Bruno sackte fast in sich zusammen.

– Die Eier…

Frida trat vor.

– Stopp. Keiner schimpft. Nicht jetzt.

Sie sah die Eichhörnchenkinder fest an.

– Wenn ihr wirklich helfen wollt, dann helft richtig.

Die kleinen Eichhörnchen nickten so schnell, dass ihre Ohren wackelten.

– Ja!

– Sofort!

– Ganz bestimmt!

Frida atmete tief ein. Sie dachte einen Moment nach und sah dann Bruno an.

– Wie viele Eier fehlen?

Bruno zählte leise.

– Zwölf.

Mathilda schnappte nach Luft.

– Zwölf?

Frida blieb ruhig.

– Dann machen wir zwölf neue fertig.

Bruno starrte sie an.

– Heute? Vor Einbruch der Nacht?

Frida hob das Kinn.

– Heute. Vor Einbruch der Nacht.

Und dann begann das wildeste, schönste Osterdurcheinander, das der Frühlingswald je gesehen hatte.

Greta zog den schiefen Korb mit ihrer kräftigen Schulter aus dem Gebüsch. Theo grub am Bachufer nach glatter, heller Erde für neue Naturfarben. Niko flog von Busch zu Busch und sammelte Blütenblätter. Die Eichhörnchenkinder rollten vorsichtig weiße Eier aus dem kleinen Vorratshaus des Osterhasen herbei. Mathilda bewachte alles mit ausgebreiteten Flügeln, als wäre sie die wichtigste Generalin der Welt.

Frida stand mitten im Trubel und behielt den Überblick.

– Gelb zu Bruno.

– Blaue Blüten in die große Schüssel.

– Vorsicht mit dem Korbgriff.

– Nicht rennen, wenn ihr Eier tragt.

Bruno, der vorher noch verzweifelt gewesen war, begann zum ersten Mal wieder zu lächeln.

– Frida, ohne dich wäre ich verloren.

Frida sah nur kurz auf.

– Später danken. Jetzt pinseln.

Sie färbten Eier mit Ringelblumen, Kornblumen und einem Hauch Rote Bete aus der Hofküche. Sie tupften Punkte darauf, zogen feine Linien, malten kleine Sonnen, Blätter, Sterne und winzige Hasenohren. Kein Ei sah aus wie das andere.

Als die Sonne langsam tiefer sank, war der Korb wieder voll.

Aber genau in diesem Moment rauschte eine dunkle Wolke über den Himmel.

Wind kam auf.

Dann noch mehr Wind.

Und noch mehr.

Der neue Korb schwankte.

– Nicht schon wieder! rief Bruno.

Die ersten Tropfen fielen.

Niko flatterte panisch.

– Wenn es stark regnet, verlaufen die Farben!

Mathilda schnatterte durcheinander.

– Wir brauchen ein Dach! Ein Dach! Ein Dach!

Frida blickte einmal nach links, einmal nach rechts – und dann zum alten umgestürzten Karren am Waldrand.

– Dort hinüber!

– Das schaffen wir nie rechtzeitig, sagte Bruno.

– Doch, sagte Frida.

– Wenn endlich jeder macht, was ich sage.

Es war still.

Sogar der Wind schien kurz zuzuhören.

– Greta, du nimmst den Korb.

– Theo, prüf den Weg unter den Wurzeln. Kein Loch, kein Stolpern.

– Niko, du fliegst voraus.

– Mathilda, du deckst die Eier mit deinen Flügeln, so gut du kannst.

– Und ihr drei, sagte sie zu den Eichhörnchenkindern.

– Haltet die Schleifen fest. Kein Ei rollt davon. Keins.

Alle nickten.

Dann rannten sie los.

Es war knapp. Sehr knapp.

Der Regen prasselte jetzt richtig. Der Pfad wurde rutschig. Greta schnaubte. Bruno hielt den Korb von der anderen Seite. Mathilda stapfte tapfer nebenher und breitete ihre Flügel aus, obwohl sie dabei halb so aussah wie ein nasser Federbesen.

Frida lief vorneweg.

– Weiter!

– Nicht stehen bleiben!

– Nur noch ein Stück!

Sie erreichten den alten Karren genau in dem Moment, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Tropfen trommelten aufs Holz. Der Wind pfiff durch die Ritzen. Aber die Eier waren in Sicherheit.

Alle atmeten schwer.

Dann fing das kleinste Eichhörnchen plötzlich an zu lachen.

– Wir sehen aus wie ein durchnässter Osterhaufen.

Einen Moment später lachten alle.

Sogar Bruno.

Als der Regen vorbeigezogen war, kam die Abendsonne zurück. Golden. Warm. Leuchtend. Sie legte sich über die Wiese, als wollte sie sagen: So. Jetzt aber schnell.

Und schnell waren sie.

Mit dem wieder geretteten Korb liefen sie los. Zur Mühlenwiese. Zum Sonnenweg. Zum Dorf am Bach. Unter Hecken, hinter Steine, neben Gartenzäune, unter Tulpenblätter und in kleine Körbchen auf Veranden legten sie die bunt bemalten Eier.

Überall, wo Bruno mit seiner Liste kurz stockte, wusste Frida Rat.

– Hier unter die Bank.

– Dort in den Flieder.

– Das goldene Ei kommt ans Fenster mit dem blauen Vorhang.

Am Ende blieb nur noch ein einziges Ei im Korb.

Es war weiß mit feinen roten Punkten und einem goldenen Rand.

Bruno hob es vorsichtig hoch.

– Das ist für dich.

Frida trat einen Schritt zurück.

– Für mich?

– Für die Henne, die heute mehr Mut hatte als manch großer Hase.

Mathilda nickte ehrfürchtig.

– Und mehr Verstand als wir alle zusammen.

Frida wurde ganz still. Dann lächelte sie, klein und warm.

– Dann teilen wir es morgen beim Frühstück.

Bruno grinste.

– Genau deshalb bist du etwas Besonderes, Frida.

Am nächsten Morgen wachten die Kinder im Dorf am Bach mit roten Wangen und hellen Augen auf. Sie liefen in Gärten, über kleine Wege, an Zäunen entlang und riefen durcheinander, weil sie so viele schöne Eier fanden wie noch nie.

Niemand wusste, wie knapp das Osterfest gerettet worden war.

Niemand außer einem Osterhasen mit gelbem Farbklecks an der Pfote, einer sehr nassen Ente, drei aufgeregten Eichhörnchen, einer starken Ziege, einem stillen Maulwurf, einem kleinen Spatz und einem Huhn namens Frida.

Frida saß wieder auf ihrem Zaunplatz hinter dem alten Birnbaum und sah den Kindern aus der Ferne zu.

Der Wind strich sanft durch ihr Gefieder.

Diesmal fühlte er sich nicht nach Unruhe an.

Sondern nach Glück.

Und weil Ostern manchmal genau dann am schönsten wird, wenn zuerst alles schiefgeht, wurde dieses Osterfest das fröhlichste seit vielen Jahren.

Frida sagte lange nichts.

Dann lächelte sie in den hellen Morgen hinein und flüsterte:

– Gerettet.

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