Kater Leo kann nicht schlafen ist eine warme Gute Nacht Geschichte für Kinder über leise Nachtgeräusche, Geborgenheit und das ruhige Einschlafen. Die Geschichte liest sich sanft, klar und angenehm und eignet sich wunderbar zum Vorlesen vor dem Schlafengehen.
Im Mittelpunkt steht der kleine Kater Leo, der müde ist, aber trotzdem nicht schlafen kann. Mit liebevollen Gedanken, ruhigen Worten und einer sanften Abendstimmung entdeckt er, dass die Nacht gar nicht unheimlich sein muss, wenn man ihr freundlich zuhört.
Kater Leo kann nicht schlafen – Abendmärchen zum Lesen und Vorlesen
Im kleinen Haus am Ende der Lindenstraße war es schon ganz still. Die Tassen in der Küche standen sauber im Regal. Die Uhr im Flur tickte langsam vor sich hin. Hinter den Fenstern lag der Garten im blauen Abendlicht, und über dem Dach schob sich der Mond so vorsichtig an den Himmel, als wolle er niemanden wecken.
Nur einer war noch wach.
Kater Leo.
Leo lag in seinem runden Körbchen auf der Fensterbank im Kinderzimmer. Das Kissen war weich. Die Decke war warm. Der Raum roch nach Lavendel und einem kleinen bisschen Kakao vom Abend.
Eigentlich war alles perfekt. Und genau das machte es noch schlimmer. Denn Leo konnte nicht schlafen.
Er drehte sich nach links. Er drehte sich nach rechts. Er legte den Kopf auf die Pfoten. Er legte die Pfoten über den Kopf. Nichts half.
Schließlich setzte er sich auf und blinzelte in die Dunkelheit.
— Das ist unfair.
— Alle schlafen. Nur ich nicht.
Vom Bett her kam ein leises Rascheln. Es war Mila, die dort unter ihrer Sternendecke lag. Sie war noch nicht ganz eingeschlafen und hatte den kleinen Satz gehört.
— Leo? Bist du das?
Leo machte einen kleinen Sprung von der Fensterbank auf den Teppich.
— Natürlich bin ich das. Wer soll es sonst sein? Der Nachtpostbote?
Mila musste lächeln.
— Warum schläfst du noch nicht?
Leo hob das Kinn ein wenig.
— Ich habe zu viele Gedanken.
— Über was denn?
Leo setzte sich mitten auf den Teppich, ordentlich und ernst, wie ein Kater, der eine wichtige Erklärung abgeben will.
— Über alles.
— Das ist keine richtige Antwort.
— Doch. Über das Knacken im Schrank. Über den Wind am Fenster. Über die Wolke, die eben aussah wie ein schiefer Pfannkuchen. Und vielleicht auch darüber, ob Fische träumen.
Mila drehte sich auf die Seite.
— Fische?
— Ja. Vielleicht träumen sie von trockenen Socken. Woher soll ich das wissen? Ich bin müde, aber mein Kopf ist viel zu wach.
Mila dachte kurz nach.
— Vielleicht musst du deinen Gedanken sagen, dass jetzt Nacht ist.
Leo sah sie an, als hätte sie vorgeschlagen, man könne den Mond mit einem Löffel umrühren.
— Gedanken hören nicht.
— Manche schon. Wenn man freundlich genug mit ihnen spricht.
Leo war nicht überzeugt. Aber er war auch nicht in der Stimmung, etwas Besseres vorzuschlagen. Also sprang er aufs Bett und setzte sich an Milas Füße.
— Na gut. Dann probieren wir es eben.
Mila zog die Decke ein wenig höher. Draußen strich der Wind durch die Blätter. Irgendwo rief eine ferne Nachtamsel. Das Haus machte kleine, müde Geräusche, wie Häuser sie manchmal nachts machen.
— Welcher Gedanke ist der lauteste?
Leo legte die Ohren schief.
— Der mit dem Schrank.
— Was ist mit dem Schrank?
— Er knackt.
— Schränke knacken manchmal.
— Ja. Aber nachts klingt es, als würde dort drin ein geheimer Holzriese seine Knie strecken.
Mila nickte langsam.
— Dann hören wir mal zusammen hin.
Beide lauschten. Ein paar Sekunden passierte nichts. Dann kam tatsächlich ein leises Knack.
Leo zuckte zusammen.
— Da!
Mila flüsterte nur:
— Vielleicht ist das kein Holzriese. Vielleicht gähnt der Schrank einfach, weil er müde ist.
Leo blinzelte.
— Ein gähnender Schrank?
— Warum nicht? Er steht den ganzen Tag nur da. Das ist bestimmt anstrengend.
Leo überlegte. Dann musste er ein kleines bisschen schnurrlachen.
— Das ist albern.
— Ja.
— Aber ein bisschen gut albern.
Wieder wurde es still. Diesmal war die Stille weicher.
Leo rollte sich noch nicht ein, aber seine Schultern sahen schon weniger angespannt aus.
— Und was ist mit dem Wind?
Leo sah zum Fenster. Der Vorhang bewegte sich ganz leicht.
— Der Wind klingt heute anders.
— Vielleicht spricht er nur mit dem Baum.
— Wieso sollte er das tun?
— Vielleicht fragt er, ob die Blätter schon schlafen.
Leo schaute zum Garten hinaus. Der alte Apfelbaum stand dunkel und ruhig da.
— Und wenn der Baum Nein sagt?
— Dann raschelt der Wind noch ein bisschen weiter, bis alle Blätter müde genug sind.
Leo schwieg. Sein Blick wurde runder und träumerischer.
— Das ist besser als meine Idee mit dem Holzriesen.
— Deine Idee war auch nicht schlecht. Nur lauter.
Leo legte sich langsam hin, den Kopf auf die Pfoten. Aber seine Augen waren noch offen.
— Mila?
— Hm?
— Was ist, wenn da draußen noch ein Geräusch kommt, das ich nicht kenne?
Mila zog ihre Decke bis ans Kinn.
— Dann geben wir ihm einen freundlichen Namen.
— Jedem Geräusch?
— Jedem Geräusch.
Leo dachte nach. Genau in diesem Moment polterte unten in der Küche ganz leise etwas. Nicht laut. Nur so, als wäre irgendwo ein kleiner Löffel verrutscht.
Leo hob sofort den Kopf.
— Das da! Was war das?
Mila lauschte kurz.
— Das war bestimmt nur die Teetasse, die es sich bequemer gemacht hat.
Leo sah sie an. Dann sah er zur Tür. Dann wieder zu Mila.
— Du erfindest das alles, oder?
— Ein bisschen.
— Hm.
— Hilft es?
Leo schwieg noch einen Moment.
— Ja. Leider.
Mila grinste müde.
— Dann ist es doch gut.
Im Zimmer war es inzwischen noch dunkler geworden. Nur das Nachtlicht auf dem Regal schimmerte warm wie ein kleiner goldener Punkt. Daneben saß Herr Mops, Milas Stoffhund, der mit seinem schiefen Ohr immer aussah, als wüsste er mehr über die Nacht als alle anderen.
Leo schaute zu ihm hinüber.
— Und was ist mit Herrn Mops?
— Was soll mit ihm sein?
— Er guckt so, als würde er nachts heimlich aufstehen.
— Nein.
— Wirklich nicht?
— Nein. Aber wenn er könnte, würde er bestimmt durchs Zimmer laufen und prüfen, ob alle Träume ordentlich bereitliegen.
Leo legte die Schnurrhaare nach vorne.
— Träume müssen bereitliegen?
— Natürlich. Sonst stolpert man vielleicht in einen langweiligen Traum.
Leo war jetzt vollkommen still.
— Kann man sich einen Traum wünschen?
— Vielleicht nicht ganz. Aber man kann ihm eine Richtung geben.
— Wie denn?
Mila gähnte.
— Man denkt an etwas Ruhiges. Etwas Warmes. Etwas, das klein genug ist, um im Herzen Platz zu haben.
Leo legte den Kopf schief.
— Ein Sonnenfleck auf dem Teppich?
— Ja.
— Frische Wäsche aus dem Korb?
— Wenn du das magst.
— Das leise Summen vom Kühlschrank unten?
Mila musste lachen.
— Das ist ein seltsamer Wunschtraum. Aber meinetwegen.
Leo schnurrte sehr leise.
— Ich glaube, ich hätte gern einen Traum, in dem ich auf einer Wolke liege und sie genau die richtige Temperatur hat. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Und jemand trägt eine Schüssel mit Sahne vorbei.
— Das klingt nach dir.
— Findest du?
— Sehr.
Wieder hörten sie dem Haus zu. Aber jetzt war kein Geräusch mehr groß.
Der Schrank knackte noch einmal und klang plötzlich wirklich nur wie ein müdes Möbelstück. Der Wind strich über das Fenster und hörte sich an, als würde er dem Baum gute Nacht sagen. Unten in der Küche verrutschte noch irgendetwas Kleines, doch Leo stellte sich sofort eine verschlafene Tasse vor, die sich im Regal ein gemütlicheres Plätzchen suchte.
Und irgendwie machte ihn das alles nicht mehr nervös. Nur müde. Ganz, ganz müde.
— Mila?
— Hm?
Ihre Stimme war jetzt schon halb im Schlaf verschwunden.
— Danke.
— Wofür?
Leo schloss die Augen.
— Dafür, dass du den Dingen andere Namen gibst.
Mila antwortete nicht mehr sofort. Dann kam ganz leise:
— Gute Nacht, Leo.
Leo atmete tief ein. Die Lavendelluft. Die warme Decke. Das leise Haus. Den ruhigen Mond.
Dann sprang er nicht mehr herum, stellte keine Fragen mehr und dachte auch nicht länger über Fische, Schränke oder Nachtgeräusche nach.
Er rollte sich in eine weiche, kleine Katzenkugel zusammen, legte den Schwanz um die Pfoten und schnurrte sich selbst in den Schlaf.
In dieser Nacht träumte Kater Leo tatsächlich von einer Wolke. Sie war weich. Sie war warm. Und ganz in der Nähe stand eine silberne Schale voller Sahne.
Am nächsten Morgen wachte er früh auf, streckte sich, gähnte und setzte sich geschniegelt ans Fenster, als wäre er die ganze Nacht nie wach gewesen.
Mila blinzelte verschlafen zu ihm hinüber.
— Na?
Leo hob würdevoll das Kinn.
— Ich hatte alles im Griff.
— Natürlich.
— Und nur zur Information: Der Schrank ist wirklich ein bisschen müde.
Mila lachte. Leo tat so, als hätte er nichts Lustiges gesagt.
Dann sprang er aufs Bett, stupste mit der Stirn gegen ihre Hand und schnurrte.
Draußen glänzte der Morgen im Garten. Und im Haus war alles so still und freundlich, als hätte die Nacht selbst kurz hereingeschaut und beschlossen, dass hier genug Geborgenheit für einen sehr guten Schlaf wohnt.