An diesem Abend war Lenis Zimmer so still, dass man sogar hören konnte, wie der Mondschein über das Fensterbrett kroch. Draußen lag der Garten im Dunkel, nur die Lavendelbüsche schimmerten silbrig, und über dem Dach funkelten unzählige Sterne, als hätten sie sich extra für diese Nacht geschniegelt.
Leni lag unter ihrer Decke und hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Eigentlich war es längst Schlafenszeit. Aber heute wollte sie ihre Augen einfach nicht schließen. Zu schön sah der Himmel aus.
Auf ihrem Nachttisch stand eine kleine Spieluhr in Form einer Wolke. Daneben lag ihr Stofffuchs Emil, der ein Ohr verloren hatte, aber trotzdem jeden Abend mit ins Bett musste. An der Wand hingen selbst gemalte Sterne, Monde und eine riesige Rakete aus Pappe.
Leni drehte sich zur Tür, hinter der noch ein schmaler Streifen Licht aus dem Flur hereinfiel.
– Mama, glaubst du, dass die Sterne wissen, wenn jemand sie anschaut?
Ihre Mutter blieb im Türrahmen stehen und lächelte.
– Vielleicht nicht so wie wir. Aber ich glaube, Sterne merken, wenn jemand an sie denkt.
– Und wenn jemand sehr oft an sie denkt?
– Dann leuchten sie vielleicht ein kleines bisschen heller.
Leni sah wieder hinaus.
– Ich würde sie gern einmal aus der Nähe sehen. Nicht nur von hier unten. Ich will wissen, ob sie warm sind. Oder ob sie reden. Oder ob sie sich nachts gegenseitig Geschichten erzählen.
Ihre Mutter setzte sich zu ihr ans Bett und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
– Wer gut träumen kann, kommt manchmal weiter, als man mit den Füßen laufen könnte.
– Dann will ich heute besonders gut träumen, sagte Leni.
– Das ist ein guter Anfang, flüsterte ihre Mutter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Dann zog sie die Tür fast zu. Das Zimmer wurde dunkelblau, weich und still.
Leni schloss die Augen. Aber nach wenigen Sekunden öffnete sie sie wieder. Irgendetwas war anders. Nicht draußen. Nicht im Flur. Direkt in ihrem Zimmer.
Es war ein feines Klingen, ganz zart, fast wie Glas, das sich im Wind berührt.
Leni setzte sich auf.
Das Klingen kam von der Fensterbank.
Dort stand eine kleine Laterne in Sternform, die ihr Großvater einmal für sie gebaut hatte. Eigentlich leuchtete sie nie von selbst. Aber jetzt flackerte in ihrem Inneren ein winziger goldener Punkt.
Der Punkt wurde heller. Dann hob er ab.
Leni hielt den Atem an.
Ein kleiner Stern schwebte direkt vor ihr in der Luft. Er war nicht größer als ein Apfel, hatte feine leuchtende Spitzen und zwei helle, freundliche Augen. Wenn er sich drehte, hinterließ er eine Spur aus goldenen Funken.
– Guten Abend, Leni, sagte der Stern mit einer Stimme, die klang, als würde jemand ganz weit weg kleine Silberglöckchen läuten.
Leni blinzelte mehrmals.
– Du kannst sprechen?
– Natürlich. Nachts sprechen Sterne sehr gern. Tagsüber halten wir uns nur ein bisschen zurück.
– Bist du ein echter Stern?
– So echt, wie dein Herz mutig ist, antwortete er.
– Und wie heißt du?
– Mio. Ich bin ein Wegstern. Ich erscheine, wenn ein Kind so lange zum Himmel schaut, bis der Himmel zurückschaut.
Leni lächelte sofort.
– Dann hat der Himmel mich gesehen?
– Ja. Und heute Nacht braucht er sogar deine Hilfe.
Leni rutschte bis an die Bettkante.
– Meine Hilfe?
– Im Westen fehlt ein kleines Nachtlicht. Kein großes, kein berühmtes, kein besonders lautes. Aber eines, das wichtig ist. Seit es verschwunden ist, schlafen manche Träume unruhig ein.
Leni sah hinaus. Erst bemerkte sie nichts. Doch dann entdeckte sie zwischen zwei hellen Sternen einen dunklen Fleck, klein wie eine Fingerspitze.
– Da ist wirklich eine Lücke, flüsterte sie.
– Genau, sagte Mio. – Dort gehört Nova hin. Sie ist ein junger Stern und hat sich im Nebelmeer versteckt, weil sie glaubt, ihr Licht sei zu klein.
Leni zog die Decke enger um die Beine.
– Dann müssen wir sie holen.
Mio begann zu funkeln.
– Das wollte ich hören.
Unter Lenis Bett tauchten plötzlich ein Paar silberblaue Hausschuhe auf. Auf jedem Schuh war eine kleine Wolke gestickt.
– Zieh die Nachtpantoffeln an, sagte Mio.
– Die hatte ich eben noch nicht, murmelte Leni.
– Gute Dinge erscheinen oft erst, wenn man sie wirklich braucht.
Leni zog die Pantoffeln an. Sie fühlten sich weich an wie warmer Nebel.
– Und jetzt?
– Jetzt öffnest du das Fenster. Nur ein kleines Stück. Gerade genug, damit die Nacht dich erkennt.
Leni stand auf, ging barfußleise zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Sofort strömte kühle Luft herein. Sie roch nach Blättern, Sommererde und ein wenig nach Regen, obwohl es gar nicht geregnet hatte.
Mio schwebte höher.
– Gib mir deine Hand.
Leni streckte ihre Finger aus. Als der kleine Stern sie berührte, wurde alles plötzlich federleicht. Nicht das Zimmer selbst – das Regal, das Bett, der Teppich, alles blieb an seinem Platz. Aber Leni fühlte sich, als wäre die Schwere des Tages von ihr abgefallen.
Vor dem Fenster entstand ein schimmernder Weg aus Licht. Er war breit wie ein Gartenpfad und weich wie ein Sonnenstrahl.
Leni machte vorsichtig einen Schritt hinaus.
Der Weg trug sie.
Unter ihr lag das Dach ihres Hauses, dann der Garten mit dem Apfelbaum, dann die Straße, die im Dunkeln schlief. Über ihr spannte sich der Himmel wie ein tiefblaues Zelt voller Goldpunkte.
– Ich falle gar nicht, sagte Leni staunend.
– Wer auf einem Sternenweg geht, fällt nur aus Sorgen, nicht aus dem Himmel, antwortete Mio.
Sie gingen weiter. An einer Wolke vorbei, die aussah wie ein schlafender Wal. Unter einem schmalen Mondstrahl hindurch, der im Wind schaukelte. Vorbei an drei winzigen Nachtvögeln, die ohne Geräusch durch die Luft glitten.
Leni drehte sich staunend im Kreis.
– Von unten sieht der Himmel schön aus. Aber von hier ist er riesig.
– Der Himmel wird größer, je neugieriger ein Kind schaut, sagte Mio.
Nach einer Weile wurde der Lichtweg schmaler. Vor ihnen lag ein weites Feld aus silbrigem Nebel, das sanft glitzerte wie schlafendes Wasser.
– Das ist das Nebelmeer, sagte Mio leise.
– Versteckt sich Nova hier?
– Ja. Und sie wird nicht sofort herauskommen. Manchmal muss man einem kleinen Licht erst zeigen, dass es vermisst wird.
Leni kniete sich an den Rand des Lichtwegs. Der Nebel kräuselte sich wie weiche Watte. Tief darin zitterte ein sehr kleines Leuchten.
– Nova? rief Leni vorsichtig.
Das Leuchten flackerte.
– Geh weg, kam eine leise Stimme aus dem Nebel. – Ich passe dort oben sowieso nicht richtig hin.
Leni schüttelte sofort den Kopf.
– Das stimmt nicht.
– Doch, wisperte Nova. – Die anderen Sterne sind viel heller. Manche glitzern blau, manche gold, manche so stark, dass man sie von überall sehen kann. Und ich? Ich bin nur ein kleines Licht. Wenn ich fehle, merkt es bestimmt kaum jemand.
Mio sagte nichts. Er ließ Leni den Vortritt.
Leni dachte kurz nach. Dann setzte sie sich im Schneidersitz auf den Sternenweg, als würde sie mit einer Freundin auf dem Teppich sitzen.
– Ich habe es gemerkt, sagte sie ruhig.
Im Nebel wurde es still.
– Wirklich?
– Ja. Deine Stelle sah leer aus. So leer, als würde in meinem Lieblingslied ein leiser Ton fehlen. Kein lauter. Aber genau der, ohne den das Lied nicht mehr ganz warm klingt.
Das kleine Leuchten kam ein Stück näher.
– Ein warmer Ton?
– Ja, sagte Leni. – Nicht alles, was wichtig ist, muss groß sein. Bei uns in der Schule gibt es ein Mädchen, das nie als Erste laut spricht. Aber wenn sie fehlt, ist der ganze Raum anders. Ruhiger. Kälter. Fast so, als würde etwas Freundliches fehlen. Vielleicht bist du genauso ein Stern.
Nova schob sich ein wenig weiter aus dem Nebel. Sie war tatsächlich klein. Viel kleiner als Mio. Ihr Licht war weich, nicht grell. Aber genau deshalb wirkte es besonders schön – wie eine kleine Lampe, die man im Dunkeln sofort liebgewinnt.
– Mein Leuchten ist nicht stark, murmelte Nova.
– Muss es auch nicht sein, sagte Leni. – Manche Kinder brauchen vor dem Einschlafen kein großes Feuerwerk am Himmel. Manchmal reicht ein stilles Licht, das sagt: Hab keine Angst, ich bin da.
Nova flackerte.
Dann wurde ihr Licht ein wenig runder, ein wenig ruhiger.
– Glaubst du wirklich, dass mein Platz leer war?
– Nicht nur leer, sagte Leni. – Er war traurig leer.
Nova zog sich ganz aus dem Nebelmeer heraus.
In diesem Moment leuchteten über ihnen mehrere Sterne etwas heller, als hätten sie erleichtert aufgeatmet. Die dunkle Lücke im Himmel begann sich mit sanftem Gold zu füllen.
Mio lächelte.
– Siehst du, Nova? Niemand muss der größte Stern sein, um am Himmel zu fehlen.
Nova drehte sich vorsichtig einmal im Kreis.
– Vielleicht bin ich doch nicht zu klein.
– Vielleicht bist du genau richtig, sagte Leni.
Da wurde Novas Leuchten wärmer. Nicht greller, nicht wilder – nur voller. Wie eine Kerze, die endlich keinen Wind mehr fürchten muss.
Plötzlich begann der Lichtweg unter Lenis Füßen sanft zu vibrieren.
– Was ist das?
– Die Nacht freut sich, sagte Mio.
Über ihnen erschienen feine silberne Linien zwischen den Sternen. Erst bildeten sie eine Leiter, dann ein kleines Segelboot, dann eine Katze mit langem Schwanz, die über den Himmel zu schleichen schien.
Leni staunte mit offenem Mund.
– Wer malt das alles?
– Schlafende Kinder, antwortete Mio. – Ihre Träume steigen manchmal nach oben und hinterlassen Bilder aus Licht. Erwachsene sehen sie fast nie. Sie sind meistens schon zu beschäftigt mit dem Morgen.
– Dann ist der Himmel ja voller heimlicher Geschichten, flüsterte Leni.
– Ja. Und jede Nacht kommt eine neue dazu.
Sie gingen noch ein kleines Stück weiter. Nur ein kleines. Aber weit genug, dass Leni die Erde unter sich wie ein dunkles, friedliches Kissen sah. Fenster leuchteten warm in der Ferne, Wälder lagen wie weiche Schatten da, und die Straßen wirkten von oben wie ruhige Bänder.
Leni spürte keine Angst. Nur Ruhe. Große, wunderbare Ruhe.
Schließlich blieb Mio stehen.
– Jetzt ist es Zeit, zurückzugehen.
– Schon?
– Die schönsten Nachtreisen enden genau dann, wenn das Herz noch leise staunt. Dann bleiben sie länger schön.
Leni nickte. Diesmal machte sie kein trauriges Gesicht.
– Darf ich irgendwann wiederkommen?
Nova funkelte sofort.
– Ja!
Mio schwebte vor Leni und lächelte.
– Wenn du weiter so zum Himmel schaust, als wäre er kein Dach, sondern ein Versprechen, dann findest du den Weg wieder. Vielleicht nicht jede Nacht. Aber öfter, als viele glauben.
Der Lichtweg bog sich zurück. Das Fenster ihres Zimmers kam näher. Die Gardinen bewegten sich sanft. Auf dem Bett wartete Emil, der Stofffuchs, und auf dem Nachttisch schimmerte die Wolkenspieluhr im Mondlicht.
Mio blieb noch einen Augenblick vor ihr schweben.
– Leni?
– Ja?
– Heute wolltest du zu den Sternen.
– Ja.
– Jetzt wissen die Sterne, wie freundlich du leuchtest.
Dann berührte er ganz leicht ihre Stirn. Für einen winzigen Moment blieb dort ein goldener warmer Punkt zurück.
Und dann war Mio verschwunden.
Leni kroch unter ihre Decke, zog sie bis ans Kinn und schaute noch einmal hinaus.
Dort oben, an der Stelle, die vorhin noch leer gewesen war, leuchtete nun ein kleines, sanftes Licht. Nicht groß. Nicht laut. Aber so schön, dass Leni sofort lächeln musste.
Nova.
– Gute Nacht, kleiner Stern, flüsterte Leni.
Hoch oben antwortete ein zartes Funkeln.
– Gute Nacht, Leni.
Wenig später schlief sie ein.
Als ihre Mutter später noch einmal leise die Tür öffnete, sah sie nur ein friedliches Kind, einen Stofffuchs mit schiefem Ohr und einen Himmel voller Sterne.
Aber wenn sie ganz genau hingeschaut hätte, hätte sie vielleicht bemerkt, dass einer von ihnen in dieser Nacht besonders warm leuchtete.
Denn manchmal beginnt der Weg zu den Sternen nicht mit einem lauten Knall und nicht mit einer großen Rakete.
Sondern mit einem leisen Wunsch, kurz bevor ein Kind einschläft.